Aktuelles

Wie leben Menschen in Großquartieren gut zusammen? | Gespräch im Rahmen der Reihe “GWH – Räume zum Dialog”

Großwohnquartiere bieten Wohnraum für viele Menschen unterschiedlichster Herkunft und Alters. Bei der GWH Wohnungsgesellschaft mbH Hessen machen diese Siedlungen etwa die Hälfte des gesamten Bestandes aus. Doch wie gelingt in solch einer demografischen Vielfalt ein gutes Zusammenleben? Darüber diskutiert Stefan Bürger (CEO, GWH Immobilienholding GmbH) mit Dr. Bernd Hunger (Geschäftsführer Stadtbüro Hunger).

Das Video zum Gespräch finden Sie unter diesem Link.

Studie “Berliner Großsiedlungen am Scheideweg?”

Dr. Bernd Hunger war als Vorstandsvorsitzender des Kompetenzzentrum Großsiedlungen e.V. maßgeblich an der Studie “Berliner Großsiedlungen am Scheideweg ?” beteiligt. Mit dieser Studie hat sich Kompetenzzentrum Großsiedlungen den großen Wohnsiedlungen der 1960er bis 1980er Jahre gewidmet, in den rund ein Viertel der Berliner Bevölkerung wohnt und deren Bedeutung für den Berliner Wohnungsmarkt als Ganzes nicht unterschätzt werden darf.

Eine behutsame städtebauliche Planung und intensive Betreuung gepaart mit sensibler Belegungspolitik haben bewirkt, dass die Mehrzahl der großen Wohnsiedlungen in einem baulich guten Zustand ist und der soziale Frieden in den Nachbarschaften gewahrt blieb. Allerdings sind die Veränderungen in der Bewohnerstruktur inzwischen so gravierend, dass sie zur Überforderung der Nachbarschaften führen können.

– Anhand des in dieser Form erstmals zusammengestellten Datenmaterials belegt die Studie den gestiegenen Beitrag der Großsiedlungen zur Wohnraumversorgung besonders bedürftiger Haushalte. Hier leben deutlich mehr Haushalte von Transferbezug, ist die Kinderarmut doppelt so hoch, leben mehr Menschen mit Migrationshintergrund als anderswo in Berlin.
– Die Dynamik der Zuwanderung seit 2015 hat die Integrationserfordernisse weiter verstärkt. Die Schnelligkeit der Veränderung in den sozialen Strukturen birgt Konfliktpotenzial und weist darauf hin, dass nicht nur benachteiligte Quartiere weiterhin Unterstützung brauchen, sondern auch die Nachbarschaften in stabilen Siedlungen mit präventiven Maßnahmen gestützt werden müssen.
– Hinzu kommen neue Herausforderungen: In den großen Wohnsiedlungen wird beengter gewohnt als in anderen Quartieren. Die Corona-Pandemie wirkt daher als zusätzlicher Katalysator potenzieller Konflikte.

Insgesamt wird deutlich: Die großen Quartiere schultern soziale Leistungen für die Stadt als Ganzes, die infolge der Anspannung auf dem Wohnungsmarkt zugenommen haben. Sie entlasten damit andere Quartiere. Deshalb brauchen sie mehr politische Aufmerksamkeit und Unterstützung anstelle der zuweilen immer noch anzutreffenden Stigmatisierung in der öffentlichen Meinung.


Die Studie belässt es nicht bei der Analyse, sondern gibt Empfehlungen zur Stabilisierung der Nachbarschaften. Einer Belegungspolitik, die auf die Belastbarkeit des vorhandenen Quartiers achtet, wird dabei ein zentraler Stellenwert eingeräumt. Zur Förderung der sozialen Mischung sollte zu einer ausgewogeneren Balance zwischen der Wohnraumversorgung breiter Schichten und besonders bedürftiger Haushalten zurückgekehrt werden. Eine Vergrößerung des Kreises WBS-berechtigter Haushalte ist dabei ebenso zielführend wie mehr Spielraum bei den Belegungsquoten der landeseigenen Wohnungsunternehmen bis hin zu Obergrenzen für besonders belastete Wohnquartiere.

Im städtebaulichen Teil belegt die Studie, dass ein überdurchschnittlich hoher Anteil des gesamten gemeinwohlorientierten Berliner Wohnungsneubaus innerhalb der Großsiedlungskulisse stattfindet. Das zukünftige Flächenpotenzial ist aber begrenzt – wegen der gewachsenen Sensibilität der vorhandenen Bevölkerung, der Belange des Klimaschutzes und der Notwendigkeit, Raum zu lassen für die zukünftige funktionale Mischung in den ohnehin vom Wohnen dominierten Quartieren. Verwiesen wird auf die notwendigen Anreize, um nicht nur die landeseigenen Wohnungsunternehmen, sondern alle Marktteilnehmer, zu motivieren, sich an der sozialen Wohnraumversorgung zu beteiligen. Eine heterogene Bauherrenschaft ist eine Voraussetzung für vielfältige Nachbarschaften in geförderten und frei finanzierten Mietwohnungen sowie selbstgenutzten Eigentumswohnungen.

Der wohnungswirtschaftliche Teil skizziert, wie die landeseigenen Wohnungsbauunternehmen mittelfristig bei stagnierenden Mietpreisen und gleichzeitig hohen Investitionen zu Marktpreisen an die Grenzen ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit stoßen. Das kann nicht im Interesse der Menschen in den Großsiedlungen sein, die gutes und sicheres Wohnen in gepflegten Beständen erwarten. Eine Verbesserung der Ertragsseite durch eine moderate, an der Zahlungsfähigkeit der Miethaushalte orientierte Erhöhung der Einstiegsmieten würde es ermöglichen, die politischen Ziele Berlins zu erfüllen, die Bewohnerschaft nicht zu überfordern und Spielräume für anspruchsvolles Bauen und Bewirtschaften zurückzugewinnen.

Die Studie kann unter diesem Link heruntergeladen werden.

In Kurzform können Handlungsempfehlungen und eine Zusammenfassung hier heruntergeladen werden.

Am 23.04.2021 erschien ein Artikel in der F.A.Z. über die Studie. Dieser kann hier heruntergeladen werden.